Der Johanniterorden zwischen Jerusalem und Werben.
Eine Spurensuche

Tagung zur Geschichte des Hospitaliterordens (auch Johanniter- bzw. Malteserorden) 

 

Veranstalter  

Arbeitskreis Werbener Altstadt e. V. in Kooperation mit der Provinzial-Sächsischen Genossenschaft des Johanniterordens, dem Verein Johanniterkomturei Werben e. V.  sowie dem hendrik Bäßler verlag • berlin.
 

Hintergrund

Im Jahr 1160 begründete Markgraf Albrecht der Bär mit einer Schenkung eine Niederlassung des Johanniterordens, die bis 1809 Bestand hatte. Auch heute zeugen noch die monumentale Kirche St. Johannis, die Kapelle des Heilig-Geist-Spitals sowie das „Romanische Haus“ als Teil des ehemaligen Johanniter-Konvents von der für die Stadt Werben fruchtbaren Tätigkeit des Ordens. Mit der Komturei war Werben so Teil des übernationalen Netzwerkes des Ordens, das seinerzeit ganz Europa umfasste. 

Thema: „Der Johanniterorden zwischen Jerusalem und Werben – eine Spurensuche“

Referenten

Herr Dr. Christian Gahlbeck (Berlin): „Um das Haupt des Johannes: Der Werbener Reliquienstreit von 1388 und seine Hintergründe“

Herr Dr. Peter Knüvener (Zittau): „Die Retabel der Werbener Johanniskirche“

Herr Prof. Dr. Jürgen Krüger (Karlsruhe): „Die Erforschung des Muristan-Areals in Jerusalem - alte und neue Erkenntnisse“

Frau Agnieszka Lindenhayn-Fiedorowicz (Berlin): „Die Johanniter der Ballei Brandenburg als Patrone von Stadtkirchen“

Herr Prof. Dr. Michael Menzel (Berlin): "Albrecht der Bär und Brandenburg im Zeitalter der Kreuzzüge"

Herr Prof. Dr. Jürgen Sarnowsky (Hamburg): "Zum Selbstverständnis der Johanniter zwischen Hospital und Kriegsdienst"
 
Herr Dr. Krzysztof Wroński (Danzig):  „Wehrbauten der Johanniter in der Ballei Brandenburg ab der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts (bis 1618). Form und Funktion“

Herr Dr. Johannes Zeilinger (Berlin): „’Perhaps ... the most wholly admirable castle in the world’ –  Mythos Krak des Chevaliers“


Programmablauf

Freitag, den 13. September 2024:

19:00 Uhr: Unter der Leitung von Herrn Professor Großmann (UdK Berlin) ein Konzert mit Musik aus der Kreuzfahrerzeit, St. Johannis Kirche.

 

Samstag, den 14. September 2024:

Das wissenschaftliche Programm findet ab 9:30 Uhr im Hansesaal des Hotels Deutsches Haus sowie in der Heilig-Geist-Kapelle statt.

Abendprogramm im Kommandeurhaus.  


Sonntag, den 14. September 2024: 

Gottesdienst in der Kirche St. Johannis mit Angehörigen des Johanniterordens. 

Anschließend können im Rahmen von geführten Touren die Stadt sowie die einzelnen Bauten der Johanniter besichtigt werden. 

 

Die Balley Brandenburg – Geschichte und Gegenwart

 Martin von Gehren, Kommendator der Provinzial-Sächsischen Genossenschaft des Johanniterordens

Verehrte Damen und Herren, 

mir wird die Ehre zuteil, Ihnen in einer Keynote die Geschichte und Gegenwart der Balley Brandenburg vortragen zu dürfen. Zunächst seien mir einige Worte zu meiner Person erlaubt: Ich bin seit 1985 Mitglied des Ordens und auf eigenen Wunsch der Provinzial-Sächsischen Genossenschaft zugeordnet worden; sie umfasst das heutige Sachsen-Anhalt und Thüringen. Hier haben wir seit 1991 unsere Rittertage abgehalten, dabei lernte ich unser Genossenschaftsgebiet schätzen und lieben; dies führte dazu, dass meine Frau und ich uns in der Altmark angesiedelt haben. Wir sind also "Neualtmärker" und fühlen uns hier sehr wohl.  Kaum war ich pensioniert, wurde ich 2013 auf dem Rittertag in Stendal zum Regierenden Kommendator unserer Genossenschaft gewählt. In diesem Amt, das ich bis 2020 ausübte, war ich in diesem Gebiet für alle Johanniter-Aktivitäten verantwortlich und stehe nun vor Ihnen als sogenannter "Altkommendator".  

 Die Gründung des Ordens wird allgemein auf das Jahr 1099 zurückgeführt, dem Jahr der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer. Zuvor schon hatten dort Kaufleute aus Amalfi ein Hospital gegründet, das von einer Bruderschaft unter der Leitung des Meisters Gerhard geführt wurde. Er wird noch heute als Gründervater des Ordens verehrt. Sein Leitbild lautete: "Unsere Bruderschaft wird unvergänglich sein, weil der Boden, auf dem diese Pflanze wurzelt, das Elend der Welt ist und weil, so Gott will, es immer Menschen geben wird, die daran arbeiten, dieses Leid geringer, dieses Elend erträglicher zu machen." Bis heute sind seine Worte Maßstab und Ansporn für uns Johanniter. Unter Raimund von Puy als Nachfolger wandelte sich die Spitalbruderschaft zu einem geistlichen Ritterorden, den im Jahre 1113 Papst Paschalis II. mit entsprechenden Privilegien als Orden anerkannte. In Deutschland entstand 1154 die erste Niederlassung in Duisburg, 6 Jahre später folgte Werben. 

 Albrecht der Bär hatte im Jahre 1157 seine Herrschaft in Brandenburg gesichert und war danach zu einer Wallfahrt nach Jerusalem aufgebrochen. Dort lernte er die Johanniter kennen und schätzen und schenkte ihnen (zusammen mit sechs Hufen Landes) die Kirche in Werben. Aus dieser Niederlassung ging die Ballei Brandenburg hervor. Um den Namen "Balley Brandenburg des Ritterlichen Ordens St. Johannis vom Spital von Jerusalem, genannt Der Johanniterorden" zu verstehen, möchte ich kurz auf die Ordenstruktur eingehen.

Die acht Spitzen des Johanniterkreuzes symbolisieren die acht Seligpreisungen, zugleich aber auch die acht Zungen des Ordens, das waren damals die Provence, die Auvergne, das Königreich Frankreich, Italien, Aragon-Navarra, Kastilien-Portugal, England und Deutschland. Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden in ganz Europa zahlreiche Kommenden, die es zu verwalten galt. Mehrere Kommenden bildeten jeweils eine Ballei, mehrere Balleien wiederum ein Priorat und mehrere Priorate ein Großpriorat. Nur die Großpriorate in den acht Zungen standen in direkter Verbindung mit dem Großmeister des Ordens  

Drei Ereignisse zu Beginn des 14. Jahrhunderts waren einschneidend für den Orden: Im Jahr 1291 ging im Heiligen Land als letzte Bastion Akkon verloren. Auf der Suche nach einem neuen Standort eroberte um 1310 der Orden die Insel Rhodos und errichtete dort eine souveräne Herrschaft. Und zwei Jahre später wurde der Templerorden vom französischen König  Philipp IV. im Zusammenwirken mit Papst Clemens V., der in Avignon residierte, aufgelöst. Was hat der Untergang des Templerordens mit unserem Thema zu tun? Sehr viel, denn im Januar 1318 wurde zwischen dem Johanniterorden, der Kirche und dem Markgrafen Woldemar I. von Brandenburg der Vertrag von Kremmen ausgehandelt, der dem Johanniterorden den brandenburgischen Besitz des aufgelösten Templerordens zusichern sollte. Dabei stellte Woldemar zugleich die  brandenburgischen Johanniter unter seinen Schutz; das spätere Patronat und Protektorat der Hohenzollern hatte also hier seinen Ursprung. 

 Im Heimbacher Vergleich aus dem Jahre 1382 erhielt die Ballei Brandenburg eine große Selbständigkeit und somit eine Sonderrolle im Gesamtorden. Verbunden mit dem  Protektorat der Markgrafen von Brandenburg wurden die Brandenburger Ritter  im Gesamtorden weitgehend unabhängig und unangreifbar. So war es nicht verwunderlich, dass die Ballei im katholischen Gesamtorden verbleiben durfte, als sich nach der Reformation unter Kurfürst Joachim II. von Brandenburg die Ritterbrüder der Ballei langsam, aber stetig dem protestantischen Glauben zu wandten. Diese Entwicklung zog sich länger hin, daher gab es über Jahre hinweg in vielen Kommenden gleichzeitig Ritter unterschiedlichen Bekenntnisses. Erst um 1550 dürften dann alle Ritter protestantisch geworden sein. Die Ballei konnte also auch als evangelisch gewordener Teil im Gesamtorden bis zu dessen Auflösung 1798 verbleiben, bemerkenswert ist, dass die katholischen und die evangelischen Ritter zusammen den Gesamtorden bildeten und diese wechselseitige Anerkennung bedeutete über mehr als 300 Jahre eine gelebte Ökumene.  

Der Gesamtorden musste Malta 1798 aufgeben. Im Unterschied dazu bestand die Ballei Brandenburg zunächst weiter. Erst 1810 sah sich der damalige preußische König Friedrich-Wilhelm III. gezwungen, zur Begleichung der von Napoleon auferlegten Reparationszahlungen auf die Besitztümer der Ballei zurückzugreifen. Er suspendierte deshalb die Ballei 1810, ließ ihn aber als vermögenslosen Personenverband fortbestehen. Es folgte aber nach einer 40-jährige Pause ein bemerkenswerter Neuanfang: 

König Friedrich-Wilhelm IV., der "Romantiker auf dem Thron", verfügte am 15. Oktober 1852 (seinem Geburtstag), dass die Ballei Brandenburg mit ihrem alten Namen wiederhergestellt wird. Dazu dienten 11 Ritterbrüder, die in jungen Jahren die Suspendierung 1810 miterlebt hatten und die nun die Aufgabe hatten, die alte Ballei als selbstständigen Orden wieder aufleben zu lassen. 

Die Balley in Form des frisch gegründeten Johanniterordens gab sich eine ganze Anzahl von neuen Regelungen, die im Gegensatz zu denjenigen standen, die sich in der alten Ballei über die Jahrhunderte bis zu ihrer Suspendierung 1810 entwickelt hatten.  So bezogen die Mitglieder keine Einkünfte mehr aus dem Vermögen der Balley, sondern im Gegenteil wurden sie verpflichtet, Mittel für die Aufgaben des Ordens aufzubringen. Damit wurden die uralten Aufgaben des Ordens angepasst und neu definiert: Errichtung und Unterhalt von Krankenanstalten auf dem Lande und Kampf gegen den Unglauben, nicht aber Kampf gegen die Ungläubigen. 

Die Aufnahmekriterien hatten zum Ziel, nur Herren aufzunehmen, die bereit waren, sich für die Ziele des Ordens aktiv einzusetzen. Der Johanniterorden war vermögenslos, so dass die Vergabe von Pfründen ausgeschlossen war. Friedrich-Wilhelm IV. wollte im preußischen Adel ein Gegengewicht zu der von Johann Hinrich Wichern gegründeten Inneren Mission erreichen. 

Die Wiedereinrichtung 1852 löste große Resonanz aus. Der Bestand an Mitgliedern schnellte in die Höhe, so dass schon ein Jahr später der neu gegründete Orden in Genossenschaften gegliedert wurde. Überall wurden Werke gegründet aus Mitteln, die die Mitglieder aufbrachten. Schon fünf Jahre später hatte der Orden 36 Krankenhäuser und Siechenheime. Eines davon war das Johanniter-Krankenhaus in Stendal, das mehr als 150 Jahre alt ist. 

Nach der Wiedereinrichtung wurde auch die Tradition fortgesetzt, dass die Herrenmeister des Ordens ab 1693 ununterbrochen Hohenzollernprinzen waren und ihren Sitz in Schloss Sonnenburg hatten, das die Ballei 1426 erworben und nach verheerenden Verwüstungen im Dreißigjährigen Krieg wieder aufgebaut hatte. Sonnenburg blieb Sitz der Herrenmeister und Ort der Ritterschläge sowie der Kapitelsitzungen bis 1945. Es lohnt sehr, dort hinzufahren und Ordensgeschichte zu fühlen. 

Im 19. Jahrhundert blühte und wuchs der Orden. Allerdings machte ihm die Abschaffung der Monarchie nach dem Ersten Weltkrieg schwer zu schaffen, mit Prinz Eitel-Friedrich, Sohn von Kaiser Wilhelm II., durfte aber weiterhin ein Hohenzollernprinz Herrenmeister bleiben. Sein Nachfolger Prinz Oskar von Preußen war von Beginn an ein erbitterter Gegner der Nationalsozialisten, konnte aber mit viel Geschick den Orden durch die NS-Zeit bringen, ohne dass er aufgelöst wurde. Es gehörten viele Mitglieder dem aktiven Widerstand an, in der Komturkirche zu Nieder-Weisel, die heute geistliches Zentrum des Ordens ist, werden 11 hingerichtete Ritterbrüder auf einer Tafel besonders geehrt. Kritisch ist anmerken, dass nach dem sogenannten Hess-Erlass von 1938, der die gleichzeitige Mitgliedschaft im Orden und in der NSDAP für unvereinbar erklärte, immerhin 410 Mitglieder den Orden verließen und es vorzogen, in der NSDAP zu bleiben. Auch nahmen einige Ritterbrüder in SS-Uniform an Rittertagen teil. 

Der Umstand, dass der Orden im Dritten Reich nicht aufgelöst wurde, führte nach Kriegsende dazu, dass die Alliierten den Orden verbieten wollten und die Wahrnehmung seiner diakonischen Aufgaben unterbanden. In dieser prekären Situation hat sich die evangelische Kirche schützend vor den Orden gestellt und in einem "Schutzbrief" erklärt, das der Orden mit seinen deutschen Genossenschaften Bestandteil der Evangelischen Kirche in Deutschland sei. Auch mit tatkräftiger Hilfe des Bundespräsidenten Theodor Heuss gelang es, dass der Orden ab 1949 seine Arbeit wieder aufnehmen durfte. Der Neubeginn wurde getragen von der Initiative des Herrenmeisters Prinz Oskar, der durch einen Kapitelbeschluss verfügen ließ, dass das bisherige Adelsprinzip fallen gelassen wurde.   Dieser Beschluss betonte, dass es für die Aufnahme "nicht auf das Äußerliche, sondern auf den Gehalt des Menschentums, auf charakterliche Haltung und geistige Potenz ankomme. Dazu gehören alle, die solchen Geistes sind. Man kann das Rad der Geschichte nicht rückwärts drehen, aber man kann ihm einen kräftigen Schwung vorwärts geben."

Der Orden war durch die Teilung Deutschlands auf den Westen beschränkt, hat aber die Verbindung in die DDR stets mit Hilfe der Kirche und der Diakonie gehalten. Nach der Wiedervereinigung konnten viele Werke gegründet und aufgebaut werden, und Einrichtungen, die während der DDR-Zeit treuhänderisch von der Diakonie gehalten worden waren, gingen an den Orden zurück. Damit entwickelten sich die Genossenschaften in den neuen Bundesländern prächtig, so verfügt die Provinzial-Sächsische Genossenschaft über das große Johanniter-Krankenhaus Stendal, etliche Johanniter-Altenpflegeheime, Hospize, Johanniter Hilfsgemeinschaften, MVZs und viele Kitas. Auch ist die JUH sehr aktiv. 

 Alleine die Umsätze des Ordens betrugen in 2023 mehr als 3 Milliarden Euro. Fast 50.000 hauptamtliche Mitarbeiter sind in den Ordenswerken tätig, die von 54.000 Ehrenamtlichen unterstützt werden. Solche Zahlen zeigen das große persönliche Engagement im Orden eindrucksvoll auf. 

Zum Abschluss möchte ich noch auf die Bedeutung der Herrenmeisters hinweisen. Als Prinz Oskar, der den Orden durch überaus schwierige Zeiten geführt hat, 1958 starb, übernahm sein Sohn Prinz Wilhelm-Karl das Amt des Herrenmeisters und führte es bis zur 900-Jahrfeier im Berliner Dom mit großer Umsicht. Im Jahr 1999 übernahm dann sein Sohn Prinz Oskar  das verantwortungsvolle Amt und übt es bis heute aus. Er hat eine besondere Beziehung zur Altmark und zu Werben. Auch ist er Schirmherr der Altmark Festspiele, die von uns Johannitern und insbesondere der JHG Altmark betreut und gefördert werden.

Der Johanniterorden mit seinen heute mehr als 4.000 Ritterbrüdern gliedert sich in insgesamt 23 Genossenschaften, die von den Regierenden Kommendatoren geleitet werden. Das johanniterliche Leben spielt sich in den örtlichen Einheiten des Ordens ab, den Subkommenden; wir Ritterbrüder der Altmark gehören der Subkommende Magdeburg an. In einer Woche findet unser nächster Rittertag in Stendal statt, zu dem über 300 Teilnehmer erwartet werden und den unser Regierender Kommendator Carl-Albrecht Bartmer leiten wird. Die Balley Brandenburg ist ein Orden, der stolz auf seine große Tradition ist. Darin verharrt er aber nicht, sondern ist stets bemüht, den Doppelauftrag, sich für den Glauben einzusetzen und die diakonischen Aufgaben des Ordens wahrzunehmen, bestmöglich auszuführen. Dabei ist es wichtig, ein Gleichgewicht zwischen dem Bewahren der gelebten Traditionen und dem Umsetzen notwendiger Innovationen zu finden. Thomas Morus hat es vor über 600 Jahren auf den Punkt gebracht: "Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme." Oder anders ausgedrückt: "Zukunft aus Tradition!" In diesem Sinne wollen wir unseren Ordensauftrag weiterführen. 

 

 Predigt im Gottesdienst zum Abschluss der Tagung

 von Pastor Andreas Volkmann, Rechtsritter des Johanniterordens.

Die Auferweckung des Lazarus
 

Es lag aber einer krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta, etwa zweieinhalb Kilometer von Jerusalem entfernt. Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank. Da kam Jesus und fand Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen. Viele Juden aber waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders. 

Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, ging sie ihm entgegen; Maria aber blieb im Haus sitzen. Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben. Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Marta spricht zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist. 

Es war aber eine Höhle, und ein Stein lag davor. Jesus spricht: Hebt den Stein weg! Spricht zu ihm Marta, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen. Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Da hoben sie den Stein weg. 

Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sagte ich’s, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast. Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löst die Binden und lasst ihn gehen! Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn. 

(Joh 11, 1(2)3.17-27(28-38a)38b-45)

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder,

Jesus lässt sich Zeit. Er wird gerufen. Spätestens eine Stunde später hätte er am Krankenbett des Lazarus stehen können. Aber nein. Er lässt sich Zeit. Leichtsinnig viel Zeit. Unverzeihlich  viel Zeit. Vier Tage... Das hat Lazarus nicht überlebt. Selbst der Herr allen Lebens kann nur noch den Tod feststellen. 

Warum diese vermeintliche Nachlässigkeit, weshalb dieses Zögern? In meinen Augen gibt es dafür nur eine Erklärung: 

Ohne diese Verzögerung hätte sich die Geschichte mit Sicherheit ganz anders dargestellt. Sollte sie aber nicht. Nicht, weil der Evangelist das so wollte. Womöglich, weil jeder andere Verlauf bei Weitem nicht so spannend – im wahrsten Sinne des Wortes „unglaublich“ - hätte erzählt werden können? Nein, sondern weil Jesus es so wollte. Weil Jesus all denen, die nun um Lazarus trauerten, zeigen wollte, dass nicht sie über Leben und Tod bestimmen. Auch nicht, wenn sie meinen, den Notarzt nun doch wirklich rechtzeitig genug gerufen zu haben. Nein, Herr über Leben und Tod ist allein Gott. Ist allein Jesu himmlischer Vater. 
Und sein – mit Gottes Vollmacht und seiner Kraft ausgestatteter - Sohn. Er hat die Macht, den Tod in die Schranken zu weisen – und die Vollmacht, zu neuem Leben zu erwecken. Das wird hier allen, die dies miterleben dürfen, sehr demonstrativ vor Augen geführt.

Und das sind nicht Wenige. Die vielen Juden zum Beispiel, die nach der Überlieferung des Johannes gekommen waren, um mit den beiden Schwestern zu trauern und sie zu trösten. Zuallererst aber Lazarus‘ Schwestern selbst: Maria und Martha. 
Die beiden, die in ihren Charakteren unterschiedlicher nicht hätten sein können. 

Wir kennen sie ja auch aus einer anderer neutestamentlicher Überlieferung. Dort beschreibt der Evangelist Lukas Martha als die tüchtige Hausfrau, die sich mit allem Fleiß um das Wohl und Wehe des gemeinsamen Hausstandes kümmert: sie schafft herbei, putzt und kocht, damit es ihr und ihrer Schwester gut geht. Oft genug auch den Gästen, die häufig zahlreich vorbei schauen. Nicht nur heute, an diesem traurigen Tag.

Maria dagegen ist da ganz anders. Eher „verträumt“ würden wir vielleicht sagen. „Gedankenverloren“? Oder sucht sie nur ganz tief in ihrem Herzen eine Antwort auf die Frage, die sie seit ihrer Kindheit umtreibt: auf die Frage nach dem Sinn ihres Lebens? 

Diese Unterschiedlichkeit wird auch in unserer Geschichte von der Auferweckung des Lazarus erkennbar: 

Martha, die den logisch nachvollziehbaren Dialog mit Jesus führt. Beginnend mit dem  Vorwurf: „Hättest Du Dir nicht so viel Zeit gelassen, Lazarus wäre nicht gestorben“. Im Gegensatz dazu die fromme Maria. Die Begegnung mit ihr und ihrer Glaubwürdigkeit führt dazu, dass der Evangelist abschließend feststellen kann: „Viele von den Juden, die ihr begegnet sind und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn“. 

Was heißen soll, dass sie begannen, seinem Menschenbild, seinem Gottesbild, seiner Botschaft zu vertrauen. Die besteht im Kern ja darin, dass der einzelne Mensch sich nicht als den Mittelpunkt der Welt ansieht, sondern dass er sich – voller Demut, Gott hingibt. Sich der Liebe ergibt --- und sich die zu eigen macht: die Liebe zum Nächsten.  

Deshalb also Jesu anfängliches Zögern: Wir sollen erkennen, dass nicht unser egoistisches Selbstbewusstsein die Welt rettet, sondern allein Gottes Liebe. Und die Liebevoller Zuwendung, die wir einander schenken. Das sollen alle erkennen, denen ER begegnet – und alle, die IHM begegnen. So gesehen, ergibt Jesu Zögern tatsächlich Sinn.

Und damit führt uns diese Geschichte von der Auferweckung des Lazarus ziemlich direkt und ganz aktuell hierher nach Werben, mitten in die Thematik unserer Tagung, die sich zwei Tage lang mit dem Werden und Wirken des Ordens des Heiligen Johannes vom Spital zu Jerusalem – dem Johanniterorden - beschäftigt hat. Dieser Orden entspringt ja diesen beiden Wurzeln: 

Zum einen dem Glauben: an die Wahrheit und die Wirkkraft des Wortes Gottes, des Evangeliums, der guten Botschaft von der Liebe Gottes, die allen Menschen gilt. Und zum anderen – daraus hervorgehend – der Liebe, mit der sich der Orden - und die ihm angehören - in vielfach aufopfernder Nächstenliebe den – im Orden so genannten – „Herrn Kranken“ zuwenden. Welchen Segen das in den vergangenen mehr als 900 Jahren vielfältig mit sich gebracht und bedeutet hat – davon geben die zahllosen johanniterlichen Einrichtungen in ganz Europa und manchen anderen Teilen der Welt bis heute ein eindrückliches Zeugnis.    

In diesem Sinne wäre es nicht nur schön, sondern auch wichtig und richtig, wenn jeder Einzelne von uns sich in der Rolle der Maria wiederfinden wollte: dieser frommen Frau, die anderen die Augen öffnet, damit sie zum Glauben finden. Wenn nämlich auch wir den Menschen um uns herum die Augen öffneten, damit sie zum Glauben an die Wirkkraft der Liebe Gottes kommen: auch durch unser Vorbild: Indem auch wir uns unserem Nächsten in Liebe zuwenden. Und so zu einer Erfahrung beitragen, die ihnen sagt, dass das Leben aus der Kraft des Geistes Gottes sich lohnt. Wie Jesus. Der sich vor allem der so rational strukturierten Schwester Martha zuwendet und sich ihr gegenüber als der Sohn Gottes zu erkennen gibt, wenn er über sich sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“

Ihm nachzufolgen, bedeutet Leben. Bedeutet, selbst lebendiges Leben zu erfahren. Und bedeutet, sich auch seinem Nächsten zuzuwenden und ihm solches Leben zu ermöglichen. Wie göttlich wäre es, wenn uns das gelingen könnte! 

Deshalb: Auch wenn wir um unser beschränktes Vermögen, um unser Ungenügen wissen – den Versuch, ein solches Leben zu leben und zu vermitteln, ist es auf jeden Fall wert. Der Satz Jesu würde dann nicht allein der Martha gelten, sondern in gleicher Weise auch einem jeden von uns: „Wenn du glaubst - und ich würde ergänzen „und danach handelst“ - wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen!   

 Amen.

 

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